Das lag nicht daran, dass ich sie überraschen wollte. Ich durfte mich nirgendwo aufhalten, wo man mich hätte aufspüren können. Krankmeldung, formal, allerdings von der Sorte, die nirgends auftaucht, bei der es im Notfall keinen offiziellen Nachweis meiner Anwesenheit gibt. Die Schrapnellwunde saß tief in meinem Bauch, fest verbunden und unter meiner Jacke verborgen. Leichte Arbeit, hatten sie gesagt. Offenbar reichte es, sein eigenes Gewicht zu tragen.
Ich hielt kurz vor Mittag vor dem Haus meiner Eltern und blieb einen Moment länger als nötig am Bordstein sitzen, den Blick durch die Windschutzscheibe auf den Vorgarten gerichtet. Zwei Lieferwagen standen in der Einfahrt. Auf dem Rasen wurde gerade ein weißes Zelt aufgebaut. Jemand stritt sich in der Nähe der Hortensien über Blumenarrangements.
Okay. Die Hochzeit. Ich trat langsam hinaus, jede Bewegung auf das Ziehen der Nähte unter meiner Jacke abgestimmt. Ich schnappte mir meine Reisetasche und ging zur Haustür, so wie ich sie mein ganzes Leben lang benutzt hatte, als ob ich noch immer dort wohnte, als ob ich nicht lange genug weg gewesen wäre, um diese Frage überhaupt in Betracht zu ziehen.
Die Tür war unverschlossen. Drinnen traf mich als Erstes der Lärm. Stimmen überlagerten sich. Jemand spielte Musik zu laut aus seinem Handy. Das kontrollierte Chaos eines Haushalts, der sich um ein Ereignis herum organisierte. Niemand bemerkte mich. Meine Mutter stand in der Küche und dirigierte zwei Frauen, die offensichtlich Angestellte waren. Mein Vater lief mit dem Telefon am Ohr am Fenster auf und ab. Und mittendrin, genau wie immer, stand Chloe in einem weißen Seidenmorgenmantel, die Haare nur halb frisiert, umgeben von einem tragbaren Kleiderständer, als wäre sie schon ausgestellt.
Ich stand zehn volle Sekunden im Türrahmen. Dann warf Chloe einen Blick herüber. Ihr Blick ruhte auf mir mit jenem Ausdruck, den man nur dann wahrnimmt, wenn man etwas an den Schuhen eines anderen mitgebracht hat.